{"id":1196,"date":"2020-06-18T10:18:31","date_gmt":"2020-06-18T10:18:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.seimensch.eu\/?p=1196"},"modified":"2022-01-11T17:28:39","modified_gmt":"2022-01-11T16:28:39","slug":"kinderjubel-fuer-ein-paeckchen-puddingpulver-privatleute-organisieren-lebensmittel-ausgabe-in-karlsruhe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.seimensch.eu\/?p=1196","title":{"rendered":"Kinderjubel f\u00fcr ein P\u00e4ckchen Puddingpulver: Privatleute organisieren Lebensmittel-Ausgabe in Karlsruhe"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<p>Sie stehen in einer langen Schlange vor der Liebfrauenkirche, mit Sicherheitsabstand und Mund-Nasen-Schutz, so, wie eigentlich \u00fcberall in diesen Tagen. \u201eDarf\u2019s noch \u2019was Frisches sein, ein Salat oder ein paar \u00c4pfel vielleicht?\u201c, fragt die Frau, und der Herr auf der anderen Seite des Biertisches nickt. Das \u201eEinkaufen\u201c hier wirkt ein wenig wie auf dem Wochenmarkt, oder wie fr\u00fcher im Tante-Emma-Laden: Man sagt, was man braucht, und die Einkaufstasche wird gef\u00fcllt. Der Unterschied ist nur: Es gibt keine Kasse, und niemand bezahlt f\u00fcr die Lebensmittel und Hygieneartikel, die er bekommt.<\/p>\n<p><\/p>\n<p><\/p>\n<p>\u201eDas ist gut, dass es jetzt sowas gibt\u201c, sagt Sascha Nimser. Normalerweise hilft er beim Verein Post S\u00fcdstadt Karlsruhe (PSK) dem Platzwart aus. Durch Corona ist der Zwei-Euro-Job seit sechs Wochen futsch. \u201eDas Geld fehlt jetzt schon\u201c, sagt er.<\/p>\n<p><\/p>\n<p><\/p>\n<p>Wie ihm geht es vielen Menschen, die an diesem Tag das Angebot der privaten Initiative \u201e#seimensch\u201c nutzen. Bei der koordinierten Lebensmittel-Ausgabe darf sich jeder Bed\u00fcrftige versorgen, ohne eine Renten- oder Hartz-IV-Bescheinigung vorlegen zu m\u00fcssen. Der Reihe nach werden verschiedene Grundnahrungsmittel ausgegeben, die f\u00fcr die meisten Menschen eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit sind. Die Menschen, die hierher kommen, k\u00f6nnen sich selbst Kleinigkeiten oft nicht leisten.<\/p>\n<p><\/p>\n<p><\/p>\n<blockquote class=\"is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Muss ich mich entscheiden zwischen Salz und Zucker?<\/p>\n<\/blockquote>\n<p><\/p>\n<p><\/p>\n<p>Eine graue Plastikbox, die \u201eFairness-Kiste\u201c, darf mit allem gef\u00fcllt werden, was hineinpasst. \u201e\u00d6l und Salz br\u00e4ucht\u2019 ich. Oder muss ich mich entscheiden zwischen Salz und Zucker?\u201c, fragt eine Frau sch\u00fcchtern. \u201eAlles okay\u201c, erwidert die Helferin, w\u00e4hrend Sie das Gew\u00fcnschte z\u00fcgig in die Kiste packt, \u201ebrauchen Sie noch Milch?\u201c Ein paar Schritte weiter, bei den Fr\u00fchst\u00fcckssachen, darf eine Mutter zwischen einem Glas Nutella oder Marmelade w\u00e4hlen. Au\u00dferdem zwischen Haferflocken, M\u00fcsli oder Cornflakes. \u201eCornflakes!\u201c, ruft ihr kleiner Sohn. Die Schachtel wandert in die Kiste. \u00dcber ein kleines P\u00e4ckchen Pulver freut er sich ganz besonders: \u201eJaaa! Vanillepudding!\u201c, ruft er, vor Freude h\u00fcpfend.<\/p>\n<p><\/p>\n<p><\/p>\n<p>Sandra Czepielewski und Serdar Kunduz, zwei Privatpersonen, die sich im M\u00e4rz an einem Gabenzaun kennengelernt haben, organisieren die betreute Essens-Ausgabe seit mittlerweile zwei Monaten. Damals, auf dem Werderplatz, sei es noch ein winzig kleiner Stand gewesen. Trotzdem h\u00e4tten sich die Leute wahnsinnig \u00fcber ein P\u00e4ckchen Taschent\u00fccher und eine Banane gefreut.<\/p>\n<p><\/p>\n<p><\/p>\n\u00a0\n\u00a0\n<p><\/p>\n<p><\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Spenden von Firmen und Privatleuten f\u00fcllen eine Kiste voller Grundnahrungsmittel f\u00fcr jeden Bed\u00fcrftigen<\/h2>\n<p><\/p>\n<p><\/p>\n<p>Mittlerweile kommt durch viele Privatspenden, aber auch durch Spenden von Firmen, B\u00e4ckereien und einem \u00f6rtlichen Supermarkt so viel zusammen, dass ganze Kisten gef\u00fcllt werden k\u00f6nnen. \u201eWir sind durch Corona geboren, aber wir werden auch nach Corona noch da sein\u201c, sagt Czepielewski. Man wolle das gerade entstehende Netzwerk zu einer richtigen Gemeinschaft mitten in der S\u00fcdstadt weiterentwickeln. \u201eVon Mensch zu Mensch \u2013 deshalb auch der Name: #seimensch.\u201c<\/p>\n<p><\/p>\n<p><\/p>\n<p>Um den Teamgeist und Zusammenhalt zu betonen, tragen die Helfer bei der Lebensmittel-Ausgabe alle eine Art Team-Trikot: ein wei\u00dfes T-Shirt mit der Aufschrift \u201e#seimensch \u2013 Streetworker\u201c. \u201eWir wollen zeigen: wir geh\u00f6ren zusammen, wir sind alle gleich. Es gibt keine Status-Unterschiede\u201c, sagt Czepielewski. Augenh\u00f6he sei ganz wichtig.<\/p>\n<p><\/p>\n<p><\/p>\n<p>Mit privaten Autos karren die Helfer die Lebensmittel heran, zwischendurch bringt immer mal wieder jemand eine Kiste oder einen Kofferraum voll spontan vorbei. Das Ganze ist eine logistische Herausforderung f\u00fcr das knapp 30-k\u00f6pfige Team, das sich haupts\u00e4chlich \u00fcber eine Whatsapp-Gruppe koordiniert. \u201eWir br\u00e4uchten dringend eine Lagerm\u00f6glichkeit in der S\u00fcdstadt\u201c, sagt Czepielewski. \u201eUnd ein gro\u00dfes Fahrzeug, ein Sprinter w\u00e4re ideal.\u201c Denn auch mit den Corona-Lockerungen rei\u00dft der Strom der Bed\u00fcrftigen nicht ab, die sich jede Woche in der S\u00fcdstadt und in der Waldstadt in die Schlange stellen.<\/p>\n<p><\/p>\n<p><\/p>\n\u00a0\n\u00a0\n<p><\/p>\n<p><\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gro\u00dfe Dankbarkeit bei den Menschen in der S\u00fcdstadt<\/h2>\n<p><\/p>\n<p><\/p>\n<p>\u201eBitte nur gr\u00fcne Bananen\u201c, sagt eine \u00e4ltere Frau. Die reiferen, schon leicht braunen d\u00fcrfe sie nicht essen: \u201eIch hab\u2019 Zucker.\u201c Aus demselben Grund sei ihr das lange Anstehen schwer gefallen. Doch die Not wiegt schwerer bei den Menschen aus der S\u00fcdstadt, die sich teils schon um 16 Uhr vor der Liebfrauenkirche in die Schlange gestellt haben.<\/p>\n<p><\/p>\n<p><\/p>\n<p>Gro\u00df ist aber auch die Dankbarkeit. Manch einer, der hier f\u00fcr eine Kiste voller kostenloser Grundnahrungsmittel ansteht, bietet seinerseits Hilfe an. Als Fahrer zum Beispiel, um die Lebensmittelspenden abzuholen. Doch jetzt m\u00fcsse das Auto wieder durch den T\u00dcV, und daf\u00fcr habe er kein Geld, erkl\u00e4rt der Mann. \u201eIch habe 33 Jahre lang als Lagerist gearbeitet, dann wurde ich krank. Herzinfarkt, Bandscheiben.\u201c Arbeitslosengeld 1, dann Hartz IV, und davon kam er nicht mehr weg. \u201eMit solchen Vorerkrankungen ruft einen die Zeitarbeitsfirma nicht zur\u00fcck.\u201c<\/p>\n<p><\/p>\n<p><\/p>\n<p>Seine Begleiterin sitzt im Rollstuhl. \u201eJetzt, wo die Lebensmittel \u00fcberall teurer geworden sind, sind wir sehr dankbar, dass es euch gibt\u201c, sagt sie zu einer Helferin. Und verabschiedet sich in bester Corona-Tradition: \u201eSch\u00f6nen Abend, und bleibet alle g\u2019sund!\u201c<\/p>\n<p><\/p>\n<p><\/p>\n<p>Die Lebensmittel-Ausgabe in der\u00a0<strong>Waldstadt<\/strong>\u00a0findet jeden\u00a0<strong>Samstag<\/strong>\u00a0bei der\u00a0<strong>Emmauskirche, K\u00f6nigsberger Stra\u00dfe 35<\/strong>, statt. Von 13:00 bis 16:00 Uhr werden Spenden angenommen, die Lebensmittel-Ausgabe ist von 14:00 bis 16:00 Uhr.<br \/>In der\u00a0<strong>S\u00fcdstadt<\/strong>\u00a0werden jeden\u00a0<strong>Montag<\/strong>\u00a0bei der\u00a0<strong>Liebfrauenkirche, Augartenstra\u00dfe 52<\/strong>, Lebensmittel ausgegeben. Die Spenden-Annahme ist zwischen 17:00 und 19:30 Uhr m\u00f6glich. Die Lebensmittel-Ausgabe findet von 18:30 bis 19:30 Uhr statt.<br \/><strong>Weitere Infos unter\u00a0<a href=\"http:\/\/www.seimensch.eu\/\">seimensch.eu<\/a><\/strong><\/p>\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie stehen in einer langen Schlange vor der Liebfrauenkirche, mit Sicherheitsabstand und Mund-Nasen-Schutz, so, wie eigentlich \u00fcberall in diesen Tagen. \u201eDarf\u2019s noch \u2019was Frisches sein, ein Salat oder ein paar \u00c4pfel vielleicht?\u201c, fragt die Frau, und der Herr auf der anderen Seite des Biertisches nickt. 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