Kinderjubel für ein Päckchen Puddingpulver: Privatleute organisieren Lebensmittel-Ausgabe in Karlsruhe

Sie stehen in einer langen Schlange vor der Liebfrauenkirche, mit Sicherheitsabstand und Mund-Nasen-Schutz, so, wie eigentlich überall in diesen Tagen. „Darf’s noch ’was Frisches sein, ein Salat oder ein paar Äpfel vielleicht?“, fragt die Frau, und der Herr auf der anderen Seite des Biertisches nickt. Das „Einkaufen“ hier wirkt ein wenig wie auf dem Wochenmarkt, oder wie früher im Tante-Emma-Laden: Man sagt, was man braucht, und die Einkaufstasche wird gefüllt. Der Unterschied ist nur: Es gibt keine Kasse, und niemand bezahlt für die Lebensmittel und Hygieneartikel, die er bekommt.

„Das ist gut, dass es jetzt sowas gibt“, sagt Sascha Nimser. Normalerweise hilft er beim Verein Post Südstadt Karlsruhe (PSK) dem Platzwart aus. Durch Corona ist der Zwei-Euro-Job seit sechs Wochen futsch. „Das Geld fehlt jetzt schon“, sagt er.

Wie ihm geht es vielen Menschen, die an diesem Tag das Angebot der privaten Initiative „#seimensch“ nutzen. Bei der koordinierten Lebensmittel-Ausgabe darf sich jeder Bedürftige versorgen, ohne eine Renten- oder Hartz-IV-Bescheinigung vorlegen zu müssen. Der Reihe nach werden verschiedene Grundnahrungsmittel ausgegeben, die für die meisten Menschen eine Selbstverständlichkeit sind. Die Menschen, die hierher kommen, können sich selbst Kleinigkeiten oft nicht leisten.

Muss ich mich entscheiden zwischen Salz und Zucker?

Eine graue Plastikbox, die „Fairness-Kiste“, darf mit allem gefüllt werden, was hineinpasst. „Öl und Salz bräucht’ ich. Oder muss ich mich entscheiden zwischen Salz und Zucker?“, fragt eine Frau schüchtern. „Alles okay“, erwidert die Helferin, während Sie das Gewünschte zügig in die Kiste packt, „brauchen Sie noch Milch?“ Ein paar Schritte weiter, bei den Frühstückssachen, darf eine Mutter zwischen einem Glas Nutella oder Marmelade wählen. Außerdem zwischen Haferflocken, Müsli oder Cornflakes. „Cornflakes!“, ruft ihr kleiner Sohn. Die Schachtel wandert in die Kiste. Über ein kleines Päckchen Pulver freut er sich ganz besonders: „Jaaa! Vanillepudding!“, ruft er, vor Freude hüpfend.

Sandra Czepielewski und Serdar Kunduz, zwei Privatpersonen, die sich im März an einem Gabenzaun kennengelernt haben, organisieren die betreute Essens-Ausgabe seit mittlerweile zwei Monaten. Damals, auf dem Werderplatz, sei es noch ein winzig kleiner Stand gewesen. Trotzdem hätten sich die Leute wahnsinnig über ein Päckchen Taschentücher und eine Banane gefreut.

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Spenden von Firmen und Privatleuten füllen eine Kiste voller Grundnahrungsmittel für jeden Bedürftigen

Mittlerweile kommt durch viele Privatspenden, aber auch durch Spenden von Firmen, Bäckereien und einem örtlichen Supermarkt so viel zusammen, dass ganze Kisten gefüllt werden können. „Wir sind durch Corona geboren, aber wir werden auch nach Corona noch da sein“, sagt Czepielewski. Man wolle das gerade entstehende Netzwerk zu einer richtigen Gemeinschaft mitten in der Südstadt weiterentwickeln. „Von Mensch zu Mensch – deshalb auch der Name: #seimensch.“

Um den Teamgeist und Zusammenhalt zu betonen, tragen die Helfer bei der Lebensmittel-Ausgabe alle eine Art Team-Trikot: ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift „#seimensch – Streetworker“. „Wir wollen zeigen: wir gehören zusammen, wir sind alle gleich. Es gibt keine Status-Unterschiede“, sagt Czepielewski. Augenhöhe sei ganz wichtig.

Mit privaten Autos karren die Helfer die Lebensmittel heran, zwischendurch bringt immer mal wieder jemand eine Kiste oder einen Kofferraum voll spontan vorbei. Das Ganze ist eine logistische Herausforderung für das knapp 30-köpfige Team, das sich hauptsächlich über eine Whatsapp-Gruppe koordiniert. „Wir bräuchten dringend eine Lagermöglichkeit in der Südstadt“, sagt Czepielewski. „Und ein großes Fahrzeug, ein Sprinter wäre ideal.“ Denn auch mit den Corona-Lockerungen reißt der Strom der Bedürftigen nicht ab, die sich jede Woche in der Südstadt und in der Waldstadt in die Schlange stellen.

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Große Dankbarkeit bei den Menschen in der Südstadt

„Bitte nur grüne Bananen“, sagt eine ältere Frau. Die reiferen, schon leicht braunen dürfe sie nicht essen: „Ich hab’ Zucker.“ Aus demselben Grund sei ihr das lange Anstehen schwer gefallen. Doch die Not wiegt schwerer bei den Menschen aus der Südstadt, die sich teils schon um 16 Uhr vor der Liebfrauenkirche in die Schlange gestellt haben.

Groß ist aber auch die Dankbarkeit. Manch einer, der hier für eine Kiste voller kostenloser Grundnahrungsmittel ansteht, bietet seinerseits Hilfe an. Als Fahrer zum Beispiel, um die Lebensmittelspenden abzuholen. Doch jetzt müsse das Auto wieder durch den TÜV, und dafür habe er kein Geld, erklärt der Mann. „Ich habe 33 Jahre lang als Lagerist gearbeitet, dann wurde ich krank. Herzinfarkt, Bandscheiben.“ Arbeitslosengeld 1, dann Hartz IV, und davon kam er nicht mehr weg. „Mit solchen Vorerkrankungen ruft einen die Zeitarbeitsfirma nicht zurück.“

Seine Begleiterin sitzt im Rollstuhl. „Jetzt, wo die Lebensmittel überall teurer geworden sind, sind wir sehr dankbar, dass es euch gibt“, sagt sie zu einer Helferin. Und verabschiedet sich in bester Corona-Tradition: „Schönen Abend, und bleibet alle g’sund!“

Die Lebensmittel-Ausgabe in der Waldstadt findet jeden Samstag bei der Emmauskirche, Königsberger Straße 35, statt. Von 13 bis 16 Uhr werden Spenden angenommen, die Lebensmittel-Ausgabe ist von 14 bi s 16 Uhr.
In der Südstadt werden jeden Montag bei der Liebfrauenkirche, Augartenstraße 52, Lebensmittel ausgegeben. Die Spenden-Annahme ist zwischen 17 und 20 Uhr möglich. Die Lebensmittel-Ausgabe findet von 18 bis 20 Uhr statt.
Weitere Infos unter seimensch.eu

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#Seimensch

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